Dr. Google

Bildquelle: Ruebartsch_Khosrork_iStock_Thinkstock_GettyImages

Die Internetrecherche nach Gesundheitsthemen ist beliebt, aber oft ein Irrweg

Von Melanie Rübartsch

Beitrag als PDF (Download)

Wenn es um Krankheiten und Fragen zur Behandlung geht, sucht mittlerweile jeder zweite Deutsche im Internet nach Infos. Die schnelle Quelle hilft oft weiter, hat aber auch Risiken und Nebenwirkungen.

Diese Kopfschmerzen. Mehrere Wochen lang tauchten sie immer wieder auf. Ganz plötzlich. Stechende Schmerzen oberhalb der rechten Schläfe. Zum Arzt wollte Susanne Falter (Name geändert) deshalb aber nicht gleich gehen. Also bemühte die 52-Jährige das Internet. Suchwort: stechende Kopfschmerzen. Ergebnis: Rund 71.000 Treffer. „Schon bei der dritten Fundstelle las ich etwas von Hirntumor“, erinnert sich die Leipzigerin. Und obwohl sie diese Möglichkeit eigentlich für völlig abwegig hielt, beschlich sie eine leichte Unruhe. Automatisch begann sie, auch über Symptome, Krankheitsverlauf und Folgen einer Krebserkrankung zu recherchieren. Nach einer Stunde Recherche klappte sie ihr Laptop schließlich mit einem mulmigen Gefühl zu – kaum schlauer, aber sorgenvoller als zuvor.

Quantität statt Qualität

Dr. Google ist beliebt bei den Deutschen. Rund 40 Millionen informieren sich nach den Ergebnissen des aktuellen „EPatient Surveys“ im Internet, wenn es um ihre Gesundheit oder die naher Angehöriger geht. Die einen suchen ganz gezielt nach Behandlungsmethoden, Medikamenten oder Verläufen für bereits diagnostizierte Erkrankungen, die anderen wollen erst einmal herausfinden, was sie wohl haben könnten. Wieder andere wollen Fachleute oder Leidensgenossen ausfindig machen.

Für Prof. Dr. Sylvia Sänger, Professorin für Gesundheitswissenschaften an der SRH Hochschule für Gesundheit in Gera, sind Gesundheitsinformationen im Internet Segen und Fluch zugleich. „Der Patient kann sich auf diesem Wege Wissen aneignen, das es ihm ermöglicht, gemeinsam mit dem Arzt autonome Entscheidungen über seine eigene Gesundheit zu treffen“, sagt die Gesundheitswissenschaftlerin. Das Hoheitswissen der Ärzte werde dadurch ein Stück weit aufgebrochen. Gut informierte Patienten können gezielter und besser im Arztgespräch nachfragen.

Allerdings sind die Informationsflut und die Anzahl der Anbieter von Gesundheitsseiten inzwischen so groß, dass der medizinische Laie sich eine gewisse Kompetenz zulegen muss, um die Erläuterungen und Quellen richtig einzuordnen. „Andernfalls können Informationen aus dem Netz regelrecht krankmachen“, weiß Sänger. Gefährdet sei dabei vor allem die Gruppe der reinen Symptom-Googler. Menschen wie Susanne Falter ahnen, was gemeint ist.

Das größte Risiko: „Im Netz kann jeder über Krankheiten oder Therapieformen publizieren, der will“, warnt die Professorin. Dadurch wachse die Gefahr der Irreführung. Für Patienten ist oft nicht ersichtlich, ob Informationen vollständig und korrekt, die Versprechen der Autoren richtig und Statistiken neutral interpretiert sind. Nicht selten stecken kommerzielle Anbieter wie Pharmafirmen hinter einer Infoseite. „Das muss nicht per se heißen, dass die Informationen dadurch falsch sind“, betont Sänger, „aber der Leser muss sie zumindest vor dem Hintergrund einordnen, dass der Herausgeber auch ein Eigeninteresse verfolgen könnte.“ Manchmal tummeln sich Unternehmensvertreter auch in Gesundheitsforen. Als scheinbar normale Chatteilnehmer machen sie dort indirekt Werbung für eigene Produkte. Darüber hinaus ist in solchen Foren, in denen jeder mit jedem diskutiert, oft auch gefährliches Halbwissen unterwegs.

Gesunde Skepsis hilft

„Das Internet ist dann eine gute Quelle, wenn der Nutzer mit den Informationen kritisch umgeht“, kommentiert Sänger. So sollten die Leser immer prüfen, woher die Informationen stammen, ob sie aktuell sind, Nutzen und Risiken aller Maßnahmen beschreiben und klar ist, auf welche Quellen sie sich beziehen (mehr dazu siehe Checkliste). Sinnvoll ist daher, die Rubriken „Über uns“ oder das Impressum genau zu lesen. „Außerdem sollten Patienten bei einer Internetrecherche immer Informationen verschiedener Anbieter vergleichen“, ergänzt die Gesundheitswissenschaftlerin.

Erste Anhaltspunkte, wie seriös eine Seite ist, liefern auch Siegel. Die Zertifizierungen des Aktionsforums Gesundheitsinformationssystem (www.afgis.de) oder der Stiftung Health on the Net Foundation (www.healthonnet.org) zeigen, ob der Anbieter beim Erstellen seiner Artikel formale Qualitätskriterien erfüllt. Ein Garant für die inhaltliche Richtigkeit oder Aktualität sind diese Siegel damit aber noch nicht.

Zunehmend gibt es zudem Ansätze, die angebotenen Fakten auf Laientauglichkeit hin zu prüfen. „Denn was nützt die beste Information, wenn der Patient sie nicht versteht“, meint Sänger. Die Professorin ist derzeit unmittelbar in solch ein Projekt eingebunden. Zwei Jahre lang nimmt ihr Lehrstuhl Medizinpädagogik Gesundheitsinformationen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit (IQWiG) unter die Lupe, um deren Verständlichkeit und Nutzerorientierung zu ermitteln.

Das IQWiG veröffentlicht auf der Internetseite

www.gesundheitsinformation.de für das Bundesgesundheitsministerium Artikel rund um Gesundheitsfragen – von der Funktion einzelner Körperteile über Krankheiten und deren Therapien bis hin zu Individuellen Gesundheitsleistungen. „Wir lassen nun unter anderem Verbraucher Fragebögen zu den Beiträgen ausfüllen und führen Interviews mit ihnen“, erklärt Sänger. Auf der Grundlage der Ergebnisse formulieren die Wissenschaftler konkrete Empfehlungen für eine bessere Verständlichkeit. Doch egal, wie gut die Informationen sind: Der Blick ins Netz sollte immer nur einen ersten Anhaltspunkt liefern. Den Weg zum Arzt ersetzt er nicht. Das dachte sich auch Susanne Falter und ging wegen ihrer Kopfschmerzen schließlich zum Hausarzt. Von Tumor keine Spur. Hormonelle Veränderungen waren die Ursache.

Melanie Rübartsch,
freie Wirtschaftsjournalistin